Wenn am 28. Juni 2026 Emanuel Graf in der Klosterkirche Dietramszell den Bogen ansetzt, klingt ein Instrument, das vor Bach gebaut wurde. Die Geschichte eines Stradivaris.
Cremona, 1690
Antonio Stradivari ist 46 Jahre alt, als er das Cello fertigstellt, das wir heute "L’Évêque de La Rochelle" nennen. Er ist seit zwei Jahrzehnten Meister, hat seine Werkstatt in der Piazza San Domenico in Cremona, einer kleinen Stadt in der Po-Ebene, die zu dieser Zeit das Zentrum des europäischen Geigenbaus ist. Die Werkstatt seines Lehrmeisters Nicola Amati ist in Sichtweite. Konkurrenz und Inspiration zugleich.
Stradivari arbeitet mit dem Holz der bosnischen Berge, mit Fichten aus dem Val di Fiemme und mit einem Lack, dessen genaue Rezeptur bis heute Geheimnis geblieben ist. Was er 1690 fertigstellt, ist kein Standardinstrument. Cellos sind in dieser Zeit noch nicht standardisiert. Stradivari experimentiert mit Größe, Korpustiefe, Wölbung. Das "L’Évêque de La Rochelle" ist kleiner als seine späteren Forma-B-Cellos — ein Instrument der frühen Phase, vor der berühmten goldenen Periode.
Drei Jahrhunderte unterwegs
Der Beiname "L’Évêque de La Rochelle" — der Bischof von La Rochelle — verweist auf einen seiner ersten dokumentierten Besitzer: einen französischen Kirchenfürsten des 18. Jahrhunderts. Wie das Instrument von Cremona ins atlantische Frankreich gelangte, ist nicht überliefert. Vermutlich der übliche Weg jener Zeit: durch Erbschaft, Hofdienst, Geschenk an einen Würdenträger. Cellos waren teuer, aber sie reisten weit.
Was wir wissen: Das Instrument hat den Siebenjährigen Krieg überdauert, die Französische Revolution, die napoleonischen Kriege, zwei Weltkriege. Es hat eine Ausbildung als Konzertinstrument durchlaufen — anfangs gedacht für die kammermusikalische Praxis von Adel und Klerus, dann übernommen vom Konzertbürgertum des 19. Jahrhunderts, schließlich gestimmt und kalibriert für die Anforderungen moderner Solokonzerte. Jeder Wechsel hinterließ Spuren am Holz, an der Lackierung, am Stimmstock. Konservatoren der Geigenbauwerkstätten von Mirecourt, Paris und London haben es immer wieder restauriert — behutsam, denn ein Stradivari verträgt keine groben Eingriffe.
Was den Klang ausmacht
Stradivari-Instrumente sind nicht laut. Wer sie zum ersten Mal hört, ist fast enttäuscht: Sie haben weniger Volumen als moderne Instrumente. Aber sie haben etwas, das sich mit anderen Worten beschreiben lässt — eine Klarheit in den Obertönen, eine Wärme im Tiefenregister, eine Tragfähigkeit, die nicht von Lautstärke abhängt, sondern von einer akustischen Eigenschaft, die Geigenbauer Resonanz nennen und Musiker einfach Gesang.
Holz, das drei Jahrhunderte gereift ist, klingt anders als frisches Holz. Es ist trockener, leichter, schwingungsfähiger. Die Zellen sind schmaler geworden, das Lignin hat sich verändert. Es ist, als hätte das Instrument zugehört, ohne je sprechen zu dürfen — und nun, wenn der Bogen es zum Klingen bringt, gibt es wieder, was es aufgenommen hat.
Emanuel Graf und das Stradivari
Der Cellist Emanuel Graf hat international Karriere gemacht: Studien in Wien und Salzburg, Preise bei großen Wettbewerben, Konzerte mit renommierten Orchestern. Er gehört zu jener Generation von Cellisten, die das Instrument nicht als historische Reliquie behandeln, sondern als lebendigen Klangkörper, der heute spielt.
Das "L’Évêque de La Rochelle" ist Grafs Werkzeug. Er trägt es im Flugzeug auf seinem eigenen Sitz, er stellt es in klimatisierte Räume, er pflegt es täglich. Aber wenn er auf der Bühne steht, ist es nicht ein Museumsstück, das er respektvoll vorzeigt. Es ist ein Cello, das gespielt werden will, und in seinen Händen wird es wieder, wozu Stradivari es gebaut hat: ein Instrument, das den Konzertsaal füllt und die Musik schöner macht als die Notenschrift sie verspricht.
Am 28. Juni in Dietramszell
In der Klosterkirche Dietramszell, einer Barockkirche aus dem 18. Jahrhundert mit einer Akustik, die für die menschliche Stimme und für klassische Streichmusik gleichermaßen geschaffen ist, wird Emanuel Graf am 28. Juni 2026 mit der Kammerphilharmonie Ingolstadt ein abwechslungsreiches Programm spielen. Das Cello ist 336 Jahre alt. Die Kirche ist 250 Jahre alt. Das Publikum sitzt 18 Uhr abends in den Bänken.
Wer kommen will, sichert sich Tickets unter tickets.kloster-musik.de. Die Klosterkirche fasst eine begrenzte Zahl Plätze.